Geschichte 1
Als er nach langer Fahrt im Bahnhofsrestaurant noch rasch einen Fisch aß, blieb ihm eine Gräte im Hals stecken, von der er sich, so sehr er sich auch bemühte, nicht befreien konnte. So ging er denn mit der Gräte im Hals zum Vorsingen ins Nürnberger Opernhaus. Dessenungeachtet aber sang er ausgerechnet die schwere Arie aus Verdis "Don Carlos": "Sie hat mich nie geliebt", auf die er sich ja eigens vorbereitet hatte und bei der der dramatische Sprechgesang sich zu einem ariosen Ausdruck zu steigern hatte. Bei einem zweiten Test hätte er die Schwierigkeiten aber kaum mehr bewältigen können, beinahe wäre er erstickt. Er hatte aber mit seiner ersten Arie die Stimmprobe bereits so erfolgreich bestanden, dass er gottlob schon nach diesem einen Beispiel seines Könens von Intendant Hanke, dem Leiter der Nürnberger Oper, ins Direktionsbüro zur Unterzeichnung des Vertrages gebeten wurde.
Geschichte 2
Ich hatte hier den verschuldeten Grafen Waldner zu singen, der seine älteste Tochter Arabella durch Verheiratung mit dem reichen Gutsbesitzer Mandryka unter die Haube bringen will. Obwohl wir nur eine kurze Klavierprobe gehabt hatten, war die Aufführung wunderbar und wurde umjubelt. Nach der Vorstellung erhielt Richard Strauss einen Lorbeerkranz und wir Sänger alle Blumen. Als der Vorhang gefallen war, drehte sich der Meister zu mir um und sagte, hörbar für alle: "Sie sind einer meiner besten Waldner!" So etwas zu hören, wo ich doch noch so jung war, das war für mich damals der GIpfel der Seligkeit. Ich fühlte mich geehrt und glücklich über alle Ma0en! Später habe ich dann allerdings erfahren, dass er zu allen so etwas sagte. Viele Fotos kamen mir unter mit Widmungen an vielleicht ein Dutzend verschiedene Sängerinnen wie: "Sie sind meine beste Marschallin"! Dennoch: Was er damals zu mir sagte, das war für einen jungen Sänger wie mich mehr als ermutigend.
Geschichte 3
Es war damals saukalt, wir mußten unentwegt marschieren beid er Kälte. Unser Unteroffizier schrie: "Ein Lied!", und alle folgten gehorsam dem Befehl, nur ich nicht. Da schrie mich der Unteroffizier, der mich eine Zeitlang beobachtet hatte, an: "Rekrut Edelmann, weshalb singen Sie nicht mit? Sie bilden sich wohl ein, etwas Besseres zu sein! Wissen Sie denn nicht, daß man sein Maul aufmacht beim Singen und die Zähne auseinandergibt? Was sind sie denn von Beruf?" Darauf antwortete ich "Opernsänger". Da gibt es schallendes Gelächter, die ganze Kompanie johlte und konnte sich lange nicht beruhigen. Der Unteroffizier satnd wütend mit rotem Kopf vor mir, bis er endlich begriff, daß mich der Spieß vom Singen befreit hatte, weil ich bei so eisiger Kälte meine Stimme schonen mußte. Womit ich aber nicht gerechnet hatte: Am Abend wurde ich in seine Stube gerufen. In ganz anderem Ton bat er mich jetzt, ihm doch einmal etwas vorzusingen. Auf die Wand deutend, wo seine Gitarre hing, fragte ich, ob ich diese benutzen dürfe. Dann spielte und sang ich für ihn "Heimat, deine Sterne" . ganz hingerissen davon, schüttelte er mir freundlich die Hand und dankte mir überschwenglich für dieses Lied. Von diesem Augenblick an hatte ich ein Stein im Brett bei ihm und kam bestens mit ihm aus. Daß ich eine solche Stimme hatte, sprach sich rasch herum. Ich mußte noch öfter singen und nicht nur im Kasernenhof. Das erste Mal sang ich als Flaksoldat in Uniform während eines Wehrmachtskonzerts im Stefaniensaal in Linz.
Geschichte 4
Eines Tages riet mir der russische Lagerkommandant: "Such dir Männer unter deinen Kameraden heraus, die ein Instrument spielen können. Die Instrumente werde ich dir verschaffen." Da ich schon als Kind etwas Tschechisch gelernt hatte, konnt ich ihn ganz gut in seiner Muttersprache verstehen. So konnten wir dort sogar auf musikalischem Gebiet aktiv werden. Neben dieser Tätigkeit wurde ich von ihm zum "Entlausungschef" ernannt - eine besonders ehrenvolle Aufgabe in den Augen unseres Kommandanten. Jeweils nach der Sauna mußte ich meinen Dienst ausüben. Das Gute daran war, dass ich solange ich wollte in der Sauna Stimmübungen machen konnte. Dadurch habe ic, glaube ich, meine Stimme über die schweren Kriegsjahre gerettet und "in Schwung gehalten".
Geschichte 5
Nach der Probe sprach mich Knappertsbusch an und fragte: "Sagen Sie, wo kommen sie denn her?" Ich war dünn, man konnte die Rippen sehen und dazu dieser Katarrh. Ich war über die Frage nicht einmal verwundert und antwortete:" Direkt aus Rußland, aus der Gefangenschaft." - "Ach, Sie Ärmster", meinte mitleidsvoll der Dirigent, "schauen Sie nur auf mich, ich gebe Ihnen jede Synkope!" Das tat er dann auch wirklich. Welcome Home.
Sein Debut an der Metropolitan Opera feierte O.E. am 11.November1954 als Hans Sachs in „Die Meistersinger von Nürnberg“ von Richard Wagner. Die erste Reise nach Amerika unternahm O.E. noch mit dem Schiff „United States“ von Le Havre aus. Die Überfahrt war sehr stürmisch und so verbrachte er die meiste Zeit seekrank im Bett unter Deck. An den Gängen waren Seile zum Festhalten gespannt und die Wellen gingen über das Schiff. Die Rückreise erfolgte dann schon mit dem Flugzeug und dabei blieb es dann auch.
Wegen des großen Erfolges wurde O.E. dann für die weiteren Spielzeiten von Direktor Rudolf Bing verpflichtet. Es wurden am Ende 18 Saisonen, die O.E. an der MET auftrat. Er liebte das amerikanische Publikum sehr und das Publikum liebte und verehrte ihn, sodaß er immer mit „Welcome home“ begrüßt wurde, wenn er nach längerer Zeit wieder in New York auftrat. Viermal reiste er mit der ganzen Familie plus Kindermädchen nach New York, um dort einige Monate seinen Verpflichtungen nachzukommen. Viele Freundschaften machte O.E. in Amerika, die bis zu seinem Tode hielten und noch heute von seiner Witwe und Kindern gepflegt werden.
Natürlich waren viele Kollegen darunter so Lauritz Melchior der berühmte dänische Heldenbariton oder Alexander Kipnis der Bassist aus der Ukraine.
Eine besondere Freundschaft verband O.E. mit Gene Tunney, der Weltmeister im Schwergewicht in den 20-er Jahren war. O.E. der ja selbst Amateurboxer war und sich sein ganzes Leben für Boxen interessierte, lernte sein großes Idol Gene Tunney in New York kennen. Wenige Tage danach lud Tunney O.E. und seine Frau Ilse-Maria in das Restaurant Pavillon in New York zum Mittagessen ein. Wie immer wurde ausgiebig gefeiert, gegessen und getrunken. Um ca. 16.00 Uhr kam das Ehepaar Edelmann ins Hotel zurück. Kurz darauf läutete das Telefon. Es war die MET und O.E. wurde gebeten am selben Abend für seinen Kollegen Paul Schöffler als Hans Sachs in den Meistersingern einzuspringen.
Da es keine andere Möglichkeit gab, sagte O.E. zu und sang am Abend die wahrscheinlich längste Partie der Operngeschichte. Die Vorstellung verlief sehr gut und O.E. wurde wie immer gefeiert.
Am nächsten Tag erhielt O.E. ein Telegramm von Gene Tunney mit dem Wortlaut:“Meine Schwägerin war gestern in der Vorstellung – sie sagt du warst wundervoll – ich ernenne Dich hiermit zum Iron man of the year (zum eisernen Mann des Jahres)“.
Tunney war 20 Jahre älter als O.E. Trotzdem waren sie wie Brüder und besuchten sich gegenseitig. So kam Tunney, der ein Literaturexperte und Opernfan war, oft nach Europa um Vorstellungen von O.E.in Frankreich, Salzburg oder Wien zu sehen.
O.E. trat an der MET insgesamt 146 Mal in folgenden Partien auf: Ochs auf Lerchenau (57 Mal), Hans Sachs (44 Mal), König Heinrich in „Lohengrin“, Pater Guardiano „La forza del destino“ (mit der berühmten Sopranistin Zinka Milanow, die für O.E. die schönste Sopranstimme besaß), Gurnemanz in „Parsifal“, Wotan und Wanderer im „Ring des Niebelungen“, König Marke in „Tristan und Isolde“ und Rocco in „Fidelio“.
Am 14.4.1956 sang er als Stargast im 2.Akt der „Fledermaus“ das Wiener Lied „I muß wieder einmal in Grinzing sein“. Weitere „Gäste“ waren Hilde Güden, Jussi Björling und Cesare Siepi.
Als die MET am nächsten Tag mit dem Zug zur alljährlichen Tournee losfuhr, sang der ganze Wagon beim Eintritt von O.E. das berühmte Wienerlied.
Eine weitere denkwürdige Vorstellung fand am 1.10.1962 statt. Am Spielplan der MET stand Wagners „Walküre“, Erich Leinsdorf stand am Pult, O.E. sang den Wotan. Er kam kurz davor aus Europa und hatte eine leichte Verkühlung. Er sang den 2. Akt durch. In der Pause zum dritten Akt kam Direktor Bing in die Garderobe und bat Edelmann, wegen seiner angeschlagenen Stimme den dritten Akt doch der Zweitbesetzung George Symonette zu überlassen und sich für die Folgevorstellungen zu schonen. Etwas widerwillig willigte O.E. ein, begann sich umzuziehen und abzuschminken. Gerade als er die MET verlassen wollte, hörte er durch die Lautsprecher wie der 3. Akt begann. Der „neue“ Wotan sang seine ersten Töne, kam aber über diese nicht hinaus, sondern wiederholte die selben Worte ständig. Nach kurzer Stille fiel der Vorhang. O.E. wurde zurückgebeten und musste die Vorstellung zu Ende singen. Mit frenetischem Jubel wurde er am Schluß gefeiert. Es stellte sich später heraus, dass George Symonette total besoffen war.
O.E. sang nicht nur an der MET. Er war auch einige Saisonen lang Mitglied der San Francisco Opera und der Lyric Opera Chicago. Außerdem ging er 4 Mal mit dem Ensemble der MET auf Tournee durch Amerika und sang so in Boston, Philadelphia, Cleveland, Minneapolis, Dallas, Atlanta, Memphis, Bloomington, Chicago, Washington D.C. und Detroit.
Am 20.6.1974 gastierte er mit der MET im Wolf Trap Farm Park in Vienna, Virginia, das unweit der Hauptstadt Washington liegt. Es handelt sich um eine Freiluftarena. Die Bühne ist unter einem Zeltdach und das Publikum (es ist Platz für 8000 Personen) sitzt auf dem Rasen. Während der Vorstellung, es wurde der „Rosenkavalier“ gegeben, fing es an heftig zu regnen und es trommelte gewaltig auf die Zeltplane. Das Publikumm schützte sich vorübergehend mit mitgebrachten Schirmen und anderem Regenschutz.
Einmal wurde er, als er gerade an der MET gastierte, von der San Diego Opera angerufen, weil dort ein Wotan in „Die Walküre“ ausgefallen war. Er sagte dem Einspringen zu und flog über den Kontinent nach San Diego in Kalifornien. Er ließ sich vor dem Abflug noch die „Striche“ für die Fassung in San Diego durchgeben. Im Flugzeug sah er sich den „neuen“ Klavierauszug der „Walküre“ an und stellte fest, dass wesentlich mehr gestrichen wurde, als er es gewohnt war. Nun kam ihm der Einfall, bei der Ankunft im Opernhaus den dortigen Souffleur zu bitte, immer wenn ein Strich kommt, mit der Zunge zu schnalzen. Wie er dann später erzählte, bestand diese „Walküre“ mehr aus Zungenschnalzer, denn aus Musik von Richard Wagner.
Er wurde auch einmal eingeladen in San Antonio, Texas den „Rosenkavalier“ zu inszenieren. Da er gleichzeitig den Ochs sang, war es eine ziemlich aufreibende Angelegenheit, die O.E. aber viel Spaß machte.
Das letzte Mal sang Otto Edelmann im Jahr 1976 an der MET. Er war wieder der Ochs im Rosenkavalier, der von James Levine dirigiert wurde. Der Italienische Sänger war Luciano Pavarotti.
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